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Meinungsfreiheit?

Schon seit drei Stunden stand der junge Mann auf dem Platz. Er war umgeben von hunderten Menschen. Kämpfenden und Schaulustigen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht und schleuderte den Regen schmerzhaft gegen seine roten Wangen. Seine Hände hatten eine bläuliche Farbe angenommen, doch der Mann blieb. Er blieb und hielt sein Schild weiter in die Höhe, auch wenn seine Arme von der Anstrengung schon zu zittern begannen. Wieder kam ein Windstoß. Der Mann zog seine Kapuze ein Stück weiter nach vorne und kniff die Augen zu. Im Augenwinkel sah er wie ein paar der Organisation den Platz verließen. Es waren aufgrund der schlechten Wetterbedingungen viel weniger Menschen gekommen, als es geplant war. Und der Chef dieser Mordfabrik ließ sich auch nicht blicken. Doch der junge Mann wollte einfach nicht aufgeben. Irgendjemanden wollte er erreichen, irgendetwas wollte er bewirken. Der Informationsstand direkt neben ihm wurde auch langsam abgebaut. Einige der Flyer wurden vom Wind ergriffen und verteilten sich über den gesamten Platz. Vielleicht war es besser nach Hause zu gehen. Doch plötzlich horchte er auf. Direkt neben ihm beschwerte sich ein älterer Herr lauthals bei seiner Frau: "Wo sind wir denn jetzt gelandet?! Überall nur noch diese Gutmenschen und Moralapostel, sieh mal, sogar mein Schnitzel wollen sie mir jetzt verbieten!"

Der junge Mann sah den Herren daraufhin mit einem so feindseligen und erzürnten Blick an, dass der Herr stehen blieb. Er blickte zuerst dem Mann gehässig in die Augen, dann folgte sein Blick langsam dem Stock den dieser immernoch zitternd nach oben hielt in die Höhe, bis er schließlich laut die Parole vorlas: "Ausschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt: 'Es sind ja nur Tiere.' " Er grinste und verschränkte seine Arme vor der Brust. Dann blickte er zu seiner Frau, doch diese war damit beschäftigt, sich ihre halblangen grauen Haare nach jedem Windstoß wieder aus dem Gesicht zu wischen. "Ich denke nicht, dass es da irgendwas zu grinsen gibt.", knurrte der junge Mann dem Alten entgegen. "Sie sind also auch einer von diesen affigen militanten Veganern.", erwiderte dieser, ohne auf die Bemerkung einzugehen.

"Wenn sie es so nennen wollen.", antwortete der Mann. Langsam ließ er das Schild sinken und stütze sich auf dem hölzernen Stiel ab. "Aber das hier können sie doch nicht ernst meinen.", der Alte deutete auf das Plakat, "Sie wollen doch nicht diese Schlachterei hier mit einem Vernichtungslager vergleichen?" "Wieso nicht? Es ist doch genau das selbe. Lebewesen, die als minderwertig bezeichnet werden, eng aneinander gefercht, die unter schlimmsten Bedingungen auf den Tod warten." "Sie wollen mir doch nicht sagen, dass für sie kein Unterschied zwischen einem Menschen und einem Tier besteht?" "Nennen sie mir den Unterschied.", erwiderte der junge Mann. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch der Wind pfiff immernoch schmerzvoll gegen die Haut. Der Mann konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, als er sah, wie der Herr seine Augen zusammen kniff und nach Argumenten suchte. Schließlich meinte er: "Der grundsätzliche Unterschied ist unsere Intelligenz im Vergleich zu denen der Tiere."

"Ach. Wenn das so ist,", der Mann hob seinen Kopf, "dann darf man Menschen mit einer geistigen Behinderung essen? Und Kleinkinder sowieso, sie haben ja nicht die angeforderte Intelligenz." Der Alte schnaubte verächtlich: "Als ob man das vergleichen kann." Es herrschte für einen kurzen Moment wieder Stille zwischen den beiden. "Ich glaube sie sind sich nicht im Klaren darüber, wie ihr geliebtes Schnitzel hergestellt wird. Drehen sie sich mal um."

Der Alte drehte seinen Oberkörper langsam nach hinten, seine Arme immer noch vor der Brust verschränkt. Hinter dem geteertem Platz, auf dem an diesem Tag durch die Demonstranten deutlich mehr Betrieb war als sonst, stand eine schmale und langezogene Halle, umzeunt von einem riesigen Drahtzaun, an dessen oberen Rand messerscharfer Stacheldraht befestigt war.

"Ähnelt einem Gefängnis, nicht wahr?", der Mann hob sein Schild noch einmal ein Stückchen nach oben und deutete darauf, "Aber der Vergleich mit dem Vernichtungslager passt besser." Der Herr drehte sich langsam wieder seinem Gesprächspartner entgegen. Der junge Mann sprach weiter: "Die Tiere die sich darin befinden leben für den Tod. Die Schweine leben in Käfigen, die so klein sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Keines wird jemals Tageslicht gesehen. Die meisten haben, weil sie sich nicht bewegen können, so verkümmerte Gliedmaßen, dass sie sogar zum Aufstehen zu schwach sind. Und warum das ganze? Für den einzigen Zweck, dass wir sie letztendlich für möglichst wenig Geld kaufen und essen können. Doch wissen Sie, was mich am meisten aufregt? Haben Sie eine Ahnung, warum ich heute hier stehe und seit drei Stunden in dieser Kälte ausharre? Weil die Menschen einfach zu ignorant sind, die Augen zu öffnen. Zu faul um sich dagegen einzusetzen und zu geizig nicht das 99 Cent Schnitzel im Supermarkt zu kaufen." Der Alte öffnete seinen Mund, doch bevor er etwas sagen konnte sprach der Mann weiter: "Für diese Menschen ist es egal was hinter diesen Mauern passiert. Es sind ja nur Tiere. Jämmerliche Tiere ohne ein Recht auf Leben." Wieder wollte der Alte etwas sagen, doch der junge Mann führte seinen Monolog fort: "Für sie ist es wichtig das sie selbst ein entspanntes Leben haben. Nur das zählt. Doch wir zerstören nicht nur das Leben der Tiere. Wir nehmen den hungernden Menschen auch die Hoffnung auf Nahrung. Es gibt genug Nahrung auf der Welt um jeden zu ernähren. Und doch müssen circa 925 Millionen Menschen hungern. Wie kommt das? Sämtliches Getreide wird als Futtermittel für die sogenannten Nutztiere verwendet. Anstatt es den hungernden Menschen zu geben wird es dafür verwendet Tiere zu mästen! Wie kann das irgendjemand hier als auch nur ansatzweise gerechtfertigt ansehen?! Man benötigt 16 kg Getreide um letztendlich 1 kg Fleisch zu bekommen. Ich sage ihnen, so werden Entwicklungsländer niemals imstande sein, genug Nahrung für sich selbst zu erzeugen, wenn sie ihr wertvolles Getreide an die Mastanlagen der Industrieländer verkaufen!" Der Mann war während des Gespräches immer lauter geworden. Seine Brust bebte und sein Blick durchbohrte den Alten. Seine angestaute Wut hatte sich soeben entladen und der Mann fühlte sich besser, deutlich besser als vorher.

Eine Weile sagte keiner mehr etwas. Dann durchbrach der Alte schließlich das unangenehme Schweigen mit den Worten: "Können wir uns darauf einigen, dass wir eine unterschiedliche Meinung zu dem Thema haben? Schließlich herrscht hier Meinungsfreiheit, selbst, wenn sie meine Meinung vielleicht abstoßend finden." Er legte seine mit Falten überzogene Hand auf den Rücken seiner Frau und schob sie leicht an um sie zum Losgehen zu animieren. Diese war darüber sichtlich erleichtert.

Als die Beiden ein paar Schritte gelaufen waren, rief ihnen der junge Mann hinter: "Für sie ist es vielleicht ihre Meinungsfreiheit, für andere ist es die Entscheidung über Leben und Tod!"

Doch das hörten sie schon nicht mehr, der Wind pfiff ihnen zu stark um die Ohren.

 

 (verfasst von Laura) 

19.9.15 19:21
 


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